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James Lewis

Injury

GALERIE HUBERT WINTER
 04.03. - 03.04.2021

Vernissage voraussichtlich 4. März ab 11:00 Uhr

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Simone Fattal, The Museum Is Not Enough, 2020

F.: Eben sagten Sie noch, dass hier die Kunst beginnt, und nun sagen Sie, das sei der Punkt, wo sie sich auflöst.
A.: Genau so empfinde ich es. Der Hochzeitsflug der Hummel. Schade um die Drohne. Ich nehme die Verantwortung auf mich.
Die letzten Zeilen. In: Jean Dubuffet, Die Autorität des Vorhandenen. Autobiografisches. Dt. v. E. Kronjäger. Bern, Gachnang & Springer, 1994

Wir freuen uns die zweite Einzelausstellung von James Lewis in der Galerie präsentieren zu können. Injury ist zugleich die erste in einer Ausstellungsserie, die die Rolle von Materialität im künstlerischen Schaffen und deren skulpturales Potential erkundet.
 
Im Verlauf der kommenden drei Einzelausstellungen präsentieren wir zwar sehr unterschiedliche, aber an gewissen Stellen sich überschneidende Positionen von James Lewis, Judith Fegerl und Joel Fisher, im Hinblick auf die Rolle und die Inspiration, die dem Material jeweils zugesprochen wird. Dieses unterliegt in James Lewis Arbeiten einem alchemistischen Tenor, im Falle Joel Fishers dem Potential des rohen Materials – in der synchronen Entfaltung von Entstehung und Reflexion – und poetischer Metonymie der Technizität in Judith Fegerls Arbeiten. Diese drei Positionen differieren in ihren thematischen Bezügen, jedoch ist ihnen Materialität als Inspirationsquelle gemeinsam, sowie die Annahme, dass Materialität inhärent mit zeitlichem Prozess verbunden ist. Bei James Lewis ist es einer der Metamorphose, der Poiesis bei Judith Fegerl und bei Joel Fisher einer der materialistischen Pragmatik, in der Bedeutung mit Gebrauch verkoppelt sind.
 
Injury thematisiert die Unmöglichkeit von Mitgefühl1, die Arbeiten fordern eine neue Art des Bewohnens unserer Welt. Eine die, die Unversöhnbarkeit der Gesellschaft, die Unmöglichkeit Schmerz empathisch mitzuteilen berücksichtigt und anerkennt, dass wir, obwohl wir mit- und nebeneinander leben, dennoch nicht eins sind. James Lewis Arbeiten handeln von Entropie und Chaos, und wie diese – im Sinne mikroskopischer, zusammenhängender Ereignisse, sich zu wiederholenden Mustern häufen – unsere Welt strukturieren und dann zu Begriffen wie Zeit, Raum oder Geschichte gerinnen.
 
Lewis visuelle Szenerie ist eine der Entfremdung. Eine knisternde Klangkulisse, durchzogen von maschinenhaftem Summen und Piepen, entspringt der Arbeit Imaginary Counter Power (2021). Dieser architektonischen Arbeit entströmt eine erschöpfend lange Klangarbeit, welche eine oszillierende Atmosphäre schafft, die sämtliche Körper und Dinge zum Schwingen bringt, wodurch eine komplexe Ökologie aus Materie und Energie, Subjekten und Objekten entsteht.
 
Wie lassen sich die Emotionen, Haltungen eines Körpers in Schmerz und Ver-Stimmung vermitteln? Wie lässt er sich verstehen? Damit beschäftigt sich die aus sieben in Aluminium gegossenen Objekten bestehende Werkserie Narrowly true but broadly misleading (2021). Die Symbolhaftigkeit dieser Arbeiten lässt sich in Statistiken dechiffrieren: die durchschnittliche Fläche menschlicher Haut, die benötigte Zeit zur Verdauung von Essen, der Durchschnitt der Menge am Tag gesprochener Worte etc. So wird eine merkwürdige Poesie einer Sprache von Dissonanz entworfen.
 
Betonverkrustetes, fossilisiertes Mobiliar (Dilivium, 2021) schafft eine häusliche Szenographie, deren durchzogene, netzwerkartige Schichten mit Klang und dem Geruch billigen Whiskeys kontaminiert und überlagert werden. Dabei entsteht eine Art Porträt eines absenten Körpers, der dem alles verbindenden Gewebe der Zeit entrissen und einem horror temporis – den Brüchen, Narben und Auswüchsen menschlich erfahrener Zeit – ausgesetzt ist, die James Lewis Werke thematisieren.

1: Vgl. Sara Ahmed, The Cultural Politics of Emotion, Edinburgh: Edinburgh University Press, p. 39.