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Maria Lassnig

Bleistift und Pinsel sind Urzustandswerkzeuge
Aquarelle und Zeichnungen 1955 – 1961

Galerie Ulysses
 10.06. - 23.07.2021

 
 
Eröffnung am Donnerstag, den 10. Juni 2021 von 12.00 bis 18.00 Uhr

KEINE GEFANGENE DES STILS
Zu den Papierarbeiten von Maria Lassnig (1919-2014)

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Schwarze Figur (Ossi), 1955
Gouache auf Papier, 33.3 x 59.8 cm
©: Maria Lassnig Stiftung, Foto: Roland Krauss

„Ach, die Künstler, die Gefangene ihres Stils sind, griesgrämig die Welt sehen und verbessern auf den grünen Zweig des Supererfolgs wollen; verwerft den Stil, ändert ihn jede Woche, ändert euren Namen jede Woche, ändert euer Vokabularium, eure vorgefaßte Meinung, eure Lebensart jede Woche, kommt den Änderungen zuvor, die die Zeit mit uns vorhat……..
Die unfigurative Kunst ist auch keine Abwesenheit, keine Abkehr von der Welt, vielmehr eine konzentrierte Ansammlung all ihrer Möglichkeiten und Widersprüche“ (Maria Lassnig: Die Feder ist die Schwester des Pinsels, Tagebücher 1943 bis 1997).

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Ohne Titel, 16.12.1960
Kreide auf Papier, 50.0 x 65.1 cm
©: Maria Lassnig Stiftung, Foto: Roland Krauss

Maria Lassnig, die große Weltkünstlerin, war streng, am strengsten mit und gegen sich selbst. Lange blieb der 1919 im Kärntnerischen Kappl am Krappfeld  geborenen Weltkünstlerin die Anerkennung verwehrt; vermutlich wohl auch, weil sie  keine angepasste  Netzwerkerin war, sondern manchmal geradezu mühsam ehrlich und kompliziert. Weil sie keine faulen Kompromisse einging und Anbiederei an die Mächtigen des Kunstmarktes strikt ablehnte. Die Kunst des Schmeichelns beherrschte diese große österreichische Malerin nicht.  Folglich:  Kein Senkrechtstart, sondern ein schwieriges, entbehrungsreiches Künstlerdasein, ehe sie u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis (1988), dem Oskar Kokoschka Preis (1998) und dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk auf der Biennale von Venedig (2013) ausgezeichnet wurde. Seit 2016 ist eine Straße in Wien-Favoriten nach Lassnig benannt.

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Wie am Gartenzaun, 1961
Aquarell auf Papier, 54.5 x 78.7 cm
©: Maria Lassnig Stiftung, Foto: Roland Krauss

Ihre Arbeiten auf Papier mögen, vor allem am Beginn ihrer Karriere, sich auch dem Umstand verdankt haben, dass sie sich keine großen Leinwände, keine teuren Ölfarben leisten konnte. Doch Notlösungen, nein, das waren die Zeichnungen nie, auch keine flüchtigen Skizzen für ihre Malereien: Bis zuletzt zeichnete sie, „Lehnstuhlbilder“ nannte sie diese in ihren letzten Lebensjahren entstandenen Blätter, lotete die Vokabularien und Möglichkeiten auf Papier präzise aus.

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Selbstportrait, 11.01.1961
Kreide auf Papier, 43.3 x 61.0 cm
©: Maria Lassnig Stiftung, Foto: Roland Krauss

Ihr gesamtes Künstlerleben lang beschäftigte sich Lassnig mit ihrem Körper, trat in einen nie abreißenden Dialog mit sich selbst und schlug aus ihrem innersten Ich immer wieder Brücken zur Außenwelt. Schon in ihren frühesten Papierarbeiten, ihren „statischen Meditationen“, den „Spannungsfigurationen“ und „Strichbildern“ Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre spürte sie ihren Körperwahrnehmungen (Body Awareness) nach, gab Körper-gefühlen, Körperempfindungen eine äußere Form, suchte nach einer Realität, die, wie sie erklärte, mehr in ihrem Besitz war als die Außenwelt.  Sie male und zeichne gleichsam nackt, sagte sie einmal, ohne Absicht, ohne Planung,  „doch habe ich einen Ansatzpunkt, der aus der Erkenntnis entsteht, dass das einzig mir wirklich Reale meine Gefühle sind, die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen“: Körperhaut, nicht von außen gesehen, sondern von innen gespürt,  Streckempfindungen, Druckempfindungen im Arm, auf den sie sich beim Arbeiten stützte, völlige Leere, schwierig darstellbare Dinge. In ihrem Tagebuch  notierte sie 1970 dazu: „Ich fühle die druckstellen des gesäßes auf dem diwan, den bauch, weil er gefüllt ist wie ein sack, der kopf ist eingesunken in den pappkarton der schulterblätter, die gehirnschale ist nach hinten offen, im gesicht spüre ich nur die nasenöffnungen groß wie die eines schweines und rundherum die haut brennen….“

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Knödelform, 1959
Öl auf Papier, 60.9 x 85.6
©: Maria Lassnig Stiftung, Foto: Roland Krauss

Mit ihrer unverwechselbaren künstlerischen Sprache, mit kräftigen Kohle- und kristallinen Bleistiftstrichen oder in der für sie typischen bleichen Aquarellfarbigkeit erzählte sie von diesem Körperbewusstsein, stellte sich, ihre Abgründe und Seelenqualen, ihre Erfahrungen und Empfindungen, ihre Gedanken und inneren Spannungen im wahrsten Sinn des Wortes bloß.
"Ein Aquarell ist wie eine Liebesbeziehung: Nachträgliche Verbesserung unmöglich", kritzelte sie 1989 an den Rand eines Aquarells: ironisch, tieftraurig, lakonisch, typisch Lassnig eben.

Andrea Schurian