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Angelika Krinzinger

Im Detail

Krinzinger Projekte
 26.06. - 09.09.2019

Eröffnung: 28. Juni 2019, ab 19 Uhr

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Angelika Krinzinger, Duktus #15, 2019, c-print, 60 x 80 cm,  © Angelika Krinzinger

Unter dem Titel „Im Detail“ zeigt die Einzelausstellung von Angelika Krinzinger Arbeiten aus Werkgruppen, die in den letzten beiden Jahrzehnten entstanden sind. Die Künstlerin gibt Einblick in ihr fotografisches Werk, das geprägt ist von ihrem Interesse an den Strukturen und Oberflächen von belebten wie unbelebten Dingen und geleitet von einer Sehnsucht nach dem Sichtbarmachen von Größe und Stärke im Kleinen, im Detail.

In den frühen Arbeiten ist ihr künstlerisches Interesse ganz dem Körper und dessen Charakteristiken gewidmet. Es sind extreme Nahaufnahmen, die Formen, Strukturen und Farben hervorheben. Krinzinger arbeitet zunächst mit dem eigenen Körper, später mit denen anderer Menschen. Schamlippen, Klitoris, Ani, Eichelspitzen, Ohrläppchen, Zungen und andere physische Details werden von Krinzinger in das rechteckige Fotoformat überführt, vergrößert und freigestellt. Die Fotografien der Serie „Detail“ (2002-04) und auch diejenigen der Serie „Eyenipple“ (seit 2000-19) sind geprägt von Empathie und zärtlichem Interesse am Menschen, dem Menschlichen. Die Stärke der Bilder liegt darin, dass sie nie analysierend oder entblößend sind. In Krinzingers Aufnahmen werden Körperdetails zu abstrakten Bildsujets, denen dennoch stets etwas Lustvolles innewohnt. Mit diesen beiden Werkgruppen hat die Künstlerin dem menschlichen Körper ein fotografisches Denkmal gesetzt. Die Arbeit „Herta“ (2011) aus der gleichnamigen Serie zeigt eine überlebensgroße Fotografie des Korsetts, das der Sohn der Künstlerin als Jugendlicher mehrere Jahre lang tragen musste, um in der Wachstumsphase die Fehlstellung der Wirbelsäule zu korrigieren. Hier kulminieren mehrere, durchaus ambivalente Themen im fotografischen Abbild eines einzigen Objekts: Schutz und Zwang, Regulierung und Entwicklung, Unterstützung, Nähe und Erinnerung. Zu „Herta“ gehören noch weitere Arbeiten, jeweils Dreierkombinationen von Details des Korsetts, teilweise am Körper getragen. Auch hier geht es im wörtlichen und übertragenen Sinn um Nähe, um das genaue Hinschauen, um das Sehen, um zu verstehen.

Angelika Krinzinger, die ihre fotografische Ausbildung an der Höheren Graphischen Bundes- Lehr- und Versuchsanstalt in Wien erhalten hat und dementsprechend das fotografische Handwerk beherrscht, setzt dieses Wissen auch immer wieder inhaltlich um. Mithilfe eines kleinen Stücks Textil – ein Relikt aus der persönlichen Vergangenheit der Künstlerin – dekliniert sie verschiedene fotografische Verfahren und Techniken durch und lässt das kleine Stück Stoff, das selbst Erzeugnis einer jahrtausendealten Handwerkskunst ist, auch als allgemeingültiges Bedeutungsmuster gelten. Diese Arbeit ist darüber hinaus auch eine Hommage an den Erfinder des Negativ-Positiv-Verfahrens in der Fotografie, William Henry Fox Talbot, der 1849 ebenfalls mit einem Stück Spitze experimentierte. Auch bei der Serie „Airline Spoon“ (2017) präsentiert Krinzinger unterschiedlichste fotografische Variationen der Abbildung gewöhnlicher Löffel, die sie von verschiedenen Fluglinien zusammengetragen hat, und zeigt sich dabei als durchaus experimentierfreudig beim Umgang mit Chemikalien in der Dunkelkammer.

Ihr feines Gespür und ihren genauen Blick für außergewöhnliche Strukturen, Zeichen und Symbole hat Angelika Krinzinger über die Jahre weiterentwickelt. Beides ermöglicht ihr, Motive zu finden, die durch den von ihr gesetzten Ausschnitt eine eigene Form- und Inhaltsbedeutung erhalten. Das zeigt sich bei den „Leaves“ (2002-11), den „Gladiatoren“ (2004), den „Woodnotes“ (2007-09) und schließlich bei denjenigen Serien, bei denen ihr Gemälde als Betrachtungsobjekte dienen. In der Serie „An Hand“ (2013-14) etwa hat Krinzinger historische Gemälde aus den Sammlungen des Kunsthistorischen Museums Wien, des Schlosses Ambras und des Louvre einer fotografischen Analyse unterzogen. Auf der Suche nach aussagekräftigen Handhaltungen verbrachte sie unzählige Stunden in den Museen und kann nun eine eigene Sammlung von Händen vorweisen.

Der Bildausschnitt, auf den Krinzinger ihren fotografischen Blick richtet, ist selten derjenige, der unmittelbar ins Auge springt, wenn man das große Ganze betrachtet. In den Selbstporträts ihrer Namensschwester Angelika Kaufmann etwa hebt sie jeweils das Auge als singuläres Motiv hervor. In der fotografischen Auseinandersetzung mit der Malerin, die unter dem Titel „AK“ zusammengefasst ist, gibt es ein weiteres Bildsegment, das Krinzinger als Fotografie in den Rang motivischer Eigenständigkeit erhebt: Fragmente des Himmels. Die beiden Motive – Himmel und Augen – laden ein, sich darin zu verlieren. Die Nahaufnahmen erlauben denn auch eine genaue Studie des Pinselstrichs oder der feinen Risse, die in der getrockneten Farbe entstehen. Sie werden in den Fotografien Krinzingers zum wesentlichen Bildinhalt.

In ihrer jüngsten Serie hat sich die Künstlerin in den Gemälden Egon Schieles auf die Suche nach Motiven gemacht, die für sie von fotografischem, also formalem und inhaltlichem Interesse sind. Schieles Pinselstrich birgt wunderbar abstrakte Formen, die Krinzingers Aufnahmen zutage treten lassen. Ein bestimmtes Detail von Schieles kantigen Leibern hat sie dabei wiederholt festgehalten: den Nabel. Diesem kommt aus biologischer und symbolischer Sicht höchste Bedeutung zu. Der Nabel ist ein Symbol der Mitte, des Individuums und des Universums. Und er ist der Punkt, der die notwendige Trennung der Einheit zweier Menschen markiert.

Angelika Krinzinger macht mit ihren Fotografien die Bilder und Inhalte erkennbar, die im Detail verborgen liegen. Mit ihren Nahaufnahmen engt sie das Blick- und Informationsfeld ein und provoziert damit ein neues Sehen und Denken von Motiven und Themen. Ihre Kunst hält uns so auch dazu an, den erlernten und gewohnten Blick auf Dinge, Muster und Menschen zu überprüfen, genau hinzusehen und gegebenenfalls auch eine neue Position, eine neue Sicht einzunehmen.

Text: Verena Kaspar-Eisert, Juni 2019