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Gisela Stiegler

 GALERIE AM STEIN
 19.02. - 21.05.2021


Vernissage: Freitag, 19. Februar 2021, 16 - 20 Uhr
Die Künstlerin ist anwesend



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„Das Nachdenken über kunstimmanente Fragestellungen ist immer auch ein Nachdenken über die menschliche Existenz“, beschreibt Gisela Stiegler ihren künstlerischen Zugang. Für die österreichische Künstlerin bedingt dieser Nachdenkprozess auch eine Reflexion über den architektonischen Rahmen und den historischen Kontext, in dem ihre Arbeiten präsentiert werden. Die außergewöhnliche Architektur der Räumlichkeiten der Galerie am Stein im barocken Augustiner Chorherrenstift Reichersberg bietet Stiegler nun die ideale Möglichkeit, ihren starkfarbigen Skulpturen eine radikale Präsenz zu verleihen.

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Betritt man die barocke Klosteranlage, die sich um zwei Höfe gruppiert, stellt sich mit den beidseitigen Arkadengängen, dem marmornen Michaelsbrunnen und den zwiebelbekrönten Erkern ein Gefühl der Ruhe ein. Inmitten dieses Ambientes von geometrischer Geschlossenheit und Harmonie sind es vor allem die zahlreichen Säulen des Klosters, die zur Rhythmisierung und Dynamisierung des architektonischen Gesamtgefüges beitragen. Die österreichische Künstlerin Gisela Stiegler setzt sich in ihrem bildhauerischen Werk seit einigen Jahren mit den zahlreichen Formen und Symboliken dieses seit der Antike „tragenden“ Stilelements der Säule auseinander. Vor den Eingang der Galerie stellt sie eine fünf Meter hohe violette Säulenskulptur als weithin sichtbares Monument, das sowohl auf die Architektur des Stiftes Bezug nimmt, als sich auch selbstbewusst als Bildelement dagegen behauptet. Das Spiel vom Bildhaften und Objekthaften, von Fläche und Volumen, von Affirmation und Emanzipation architektonischer Gegebenheiten setzt sich im Innenraum der Galerie fort. Lose gruppiert Stiegler fünf violette Säulen in den hohen Ziegelgewölberaum, der trotz seiner Nutzung als Ausstellungsraum sakrale Wirkung entfaltet. Nachdem keine der Säulen die Decke berührt, werden sie eindeutig als eigenständige Skulpturen wahrgenommen. Industriell hergestellte Zylinder und Reifen aus Polystyrol erlauben es Gisela Stiegler, die Elemente frei zu kombinieren, um proportionale Verhältnisse verschiedener Säulenordnungen auszuloten. Eine der Säulen mutiert zu einem hoch aufragenden Sockel, auf dessen Spitze eine gelbe Skulptur ruht, die in Farbe und Form an eine überdimensionale Zitrone erinnert. In Verbindung mit dem auratischen Raum wirkt die Skulptur wie eine surreale Verkehrung einer seit der Antike existierenden Form von freistehender Säule, die als Weihgeschenkträger in Heiligtümern aufgestellt war.

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Gisela Stiegler (*1970 in Suben/ Schärding) wurde ursprünglich als Malerin ausgebildet. Bis 2005 setzte sie sich mittels inszenierten fotografischen Schwarz-Weiß-Stillleben mit Fragestellungen um Fläche und Raum, Licht und Schatten sowie Realität und Illusion auseinander. Schließlich verselbständigten sich die gemalten geometrischen Hintergründe ihrer Fotografien und fanden als geschnitzte Reliefs den Weg an die Wand. Zunächst in Bezug zu ihren Fotografien, vorwiegend in Schwarz, Weiß oder silbermetallischen Farben lackiert und als Bildobjekte an die Wand rückgebunden, setzte der allmähliche Einsatz von poppigen Farbkontrasten ein Nachdenken über Volumen, Körper und die Wirkung der Farben in Gang. Mit scharfen Messern und kraftvoll-konzentrierten Hieben schnitzte die Künstlerin tief in das weiche Material und schuf Objekte von berückender Lebendigkeit. Das Licht fängt und bricht sich in den Einkerbungen, die grellbunten Farben verstärkten die voluminöse Wirkung dieser Reliefs, während der geschlossene Farbauftrag den Körper wieder in die Fläche rückbindet. Die Emanzipation des Objekts an der Wand von der freistehenden Skulptur im Raum war nur konsequent und verstärkte die Reflexion der Künstlerin über das Verhältnis von Skulpturen untereinander und ihren Bezug zur Architektur und deren Betrachtern.

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Dominierte in früheren Arbeiten ein Formenvokabular, das eine abstrakt geometrische Grundhaltung einnahm, zeigt Stiegler in der Galerie am Stein neue Skulpturen mit einem offenen Bezug zur Gegenständlichkeit. Eine monumentale schwarz abstrakte Zunge nimmt offen Anklang an die Pop Art. Überhöht an die Stirnwand des Gewölbes platziert, zitiert sie aber auch humorvoll christliche Symboliken, wird die Zunge doch in der Ikonologie als Wort Gottes interpretiert. So wird im Neuen Testament mehrmals die Zungenrede erwähnt, indem sich der Heilige Geist zu Pfingsten in Form von feurigen Zungen über die Jünger ergießt, während jemand der mit gespaltener Zunge redet, die Unwahrheit spricht. Auch die überdimensionale Skulptur eines Granatapfels, in Stieglers charakteristischen Schnitztechnik mit wuchtigen Rundungen und tiefen Kerben ausgearbeitet, kann – folgt man einem katholischen Interpretationskanon – als Symbol für Fruchtbarkeit und Leben oder für Jesus selbst gelesen werden. Neu ist die gestaltende Wirkung der Farben, die sich an die komplette Farbpalette anlehnt. Gisela Stiegler hat sich auch als Bildhauerin ihren malerischen Zugang bewahrt. Fast scheint es, als hätte sich das neogeometrische Formenvokabular aus dem zweidimensionalen bildnerischen Zusammenhang gelöst und als Objekte verselbstständigt, die den gewohnten Platz im räumlichen Gefüge verlassen und die Wände in unterschiedlichen Höhen bespielen. Es gelingt ihr, Gattungen wie Malerei, Skulptur und Architektur zu überspielen und mit dreidimensionalen Bildobjekten und wie Zeichnungen im Raum wirkenden Skulpturen auf die produktive Lücke zwischen Bildhaften und Objekthaften zu verweisen. Eine Lücke im humorvollen Mix aus Minimal und Pop, aus Abstraktion und Figuration, die durch die subjektive Interpretationsleistung der Rezipienten geschlossen werden will.
aus: Fiona Liewehr, Gisela Stiegler, Galerie am Stein, Parnass 4/2020